Formanalyse

 

  Setting            Mise en scène            Staging            Soundtrack

 

Setting

 

Produziert wurde der Film im Alumni Park, University of Southern California, Los Angeles.

Im Wesentlichen wird die Geschichte an zwei Orten, L.A. und Berkley, erzählt. Die einzelnen Settings an diesen Orten ähneln sich stark, weshalb im Weiteren die Charakteristika der beiden übergeordneten Settings dargestellt werden sollen.

Einerseits der Vorort L.A.’s mit dem Haus der Braddocks, der Robinsons und dem Taft Hotel. Dargestellt wird hier, durch die Wahl der Einrichtungsgegenstände und der Kostüme der Hauptfiguren und Statisten, die geordnete Welt des amerikanischen Bürgertums in den 50er/60er Jahren des 20. Jahrhunderts. Diese Welt wirkt dabei in sich geschlossen, gefestigt, steif und beengend. Die einzelnen Drehorte, Räume und Außenaufnahmen der Häuser der Familie Braddock und Robinson sind dabei kontinuierlich im selben Stil, so dass sie den Zuschauer zwingen, Sympathie und Verständnis für Ben’s Versuch aus dieser schon zwanghaft geordneten Welt auszubrechen, zu empfinden.

Andererseits Berkeley mit Zoo, Universitätscampus und Ben’s Zimmer. Hier wirken die einzelnen Schauplätze eher offen und voller Möglichkeiten. Die Kostüme der Statisten sind zwar in ihrem Stil auch ähnlich, aber nicht so markant homogen, wie die der L.A. Vorstadt. So haben hier die einzelnen Drehorte eher etwas Befreiendes und wirken veränderlich. Ausnahme dabei bildet das Zimmer, welches Ben sich gemietet hat. Es ist zwar auch nicht im Stil seines Elternhauses eingerichtet, bildet aber durch die Figur des Vermieters, der offensichtlich in den Idealen eines ruhigen geordneten Lebens verhaftet ist, doch wieder ein Element des Lebens, aus dem Ben eigentlich ausbrechen will.

Durch Autofahrten über eine Brücke wird der Wechsel zwischen diesen beiden Settings deutlich. Die Brücke wurde typischerweise als Symbol eines Wechsels zwischen den Welten verwendet. Denn letztlich ist zu bemerken, dass die Wahl dieser beiden Settings zur Konstruktion der Handlung in zwei Abschnitte passt.

Ben’s altes Leben und die erkämpften neuen Möglichkeiten.

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Mise en scène

 

Im Wesentlichen ist der Film geprägt von harten Schnitten, die den Film dynamischer wirken lassen. Teilweise wurden harte Schnitte kombiniert mit der Vorwegnahme des Tones der nächsten Sequenz. So sieht der Zuschauer in das türkise Poolwasser und hört Ben bei seinem ersten und entscheidenden Telefonat mit Mrs. Robinson.

Außerdem wurden schnelle Bildwechsel beispielsweise eingesetzt, um die Nacktheit der Mrs. Robinson darzustellen, indem das Bild ihrer Brust und ihres Bauches schnell hintereinander für wenige Zehntelsekunden eingeblendet wurde. Damit bewegte sich der Film in den Grenzen seiner Zeit, was öffentliche Freizügigkeit betrifft und schockierte dies betreffend sogar.

An einigen Stellen wurde aber auch bewusst auf weiche Blendeffekte gesetzt. So tritt langsam Elaines Hinterkopf im Auto auf der Fahrt zum ersten Date an Stelle des Bildes der enttäuschten und gekränkten Mrs. Robinson, während Ben Elaine zur ersten Verabredung abholt. Damit wird der Übergang zwischen den beiden narrativen Abschnitten, Mrs. Robinson und der Reifeprüfung, sowie Elaine und den neuen Möglichkeiten, auch durch den Schnitt verdeutlicht.

Eine weitere Besonderheit findet sich in der Umsetzung von Ben’s Treiben zwischen Mrs. Robinson und seinem Elternhaus. Dargestellt ist dies durch den schnellen Wechsel der Schauplätze, durch die Nahaufnahme von Ben’s Kopf auf einem schwarzen Kissen, sodass der Zuschauer nicht weiß, wo sich Ben befindet.

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Staging

 

Der Film beginnt mit einer Großaufnahme von Benjamins regungslosem Gesicht. Diese Nahaufnahmen fallen im ersten Teil des Filmes sehr häufig auf und unterstreichen das Gefühl der Leere, die Ben empfindet und die Abgegrenztheit von seiner Umgebung. Im Vorspann wird er soweit an den rechten Bildrand geschoben, dass die Credits Platz haben und beim Zuschauer das Gefühl entsteht, er gehöre eigentlich gar nicht dorthin.

Bis Mrs. Robinson auftaucht folgt die Kamera Ben stetig. Alle anderen Personen erscheinen nur Ausschnittsweise.

Auffällig ist die Szene, in der Ben seine Umgebung hinter dem runden Ausschnitt seiner Taucherbrille wahrnimmt. Außer seines eigenen Atems hört er nichts, er sieht nur, wie dicht vor ihm auf ihn eingeredet wird. Dies ist wohl das deutlichste Zeichen seiner Abgeschottetheit gegenüber den anderen.

Im Hotel und auf dem Zimmer wird Benjamins Unsicherheit abermals durch viele Nahaufnahmen auf sein angespanntes Gesicht verdeutlicht. In einer Videoclip-artigen Sequenz verschwimmen die Örtlichkeiten, da neben Bens Gesicht immer nur die weiße Wand hinter ihm oder ein schwarzes Kissen oder Ähnliches zu sehen ist. Der Zuschauer verliert gewollt die Orientierung und kann wieder die Gleichgültigkeit Benjamins gegenüber seinen Handlungen erkennen.

Interessant sind auch die Aufnahmen durch oder über Mrs. Robinsons Bein hinweg. Diese markieren jedes Mal deren Überlegenheit. Beim ersten Mal, sagt Ben, dass sie versuche, ihn zu verführen, woraufhin er sich überschwänglich entschuldigt, das zweite Mal markiert diese Einstellung das Ende ihres Streits im Hotelzimmer.

Nachdem Ben Elaine seine Affäre mit Mrs. Robinson gebeichtet hat, wird diese noch einmal am Boden zerstört in Nahaufnahme vor einer weißen Wand gezeigt. Daraufhin zoomt die Kamera von ihr Weg und der Zuschauer sieht sie vollständig. An dieser Stelle wird die nun vollzogene Trennung noch eindeutiger.

Mit dem Ortswechsel nach Berkeley geht auch ein Einstellungswechsel einher. Die Aufnahmen sind hier hauptsächlich aus weiter Ferne gemacht und unterstreichen den offenen Geist, der an diesem Ort herrscht.

Danach sind die Einstellungsobjekte in normaler Größe abgebildet, was bedeuten kann, dass sich nun auch Bens Verfassung normalisiert. Nur zum Schluss kommen noch einmal die bekannten Nahaufnahmen vor. Erst, um die hysterischen Gesichter der Anwesenden der Hochzeit in den Vordergrund zu rücken und schließlich, um die gerade Geflohenen einzufangen. Hier bleibt die Kamera etwas länger als nötig an den Gesichtern von Ben und Elaine hängen, so dass man sehen kann, wie die Aufregung des Augenblicks aus ihnen verschwindet. Am Ende liegt doch wieder Ungewissheit vor ihnen.

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Soundtrack

Der Soundtrack – der eigentlich aus nur vier Liedern besteht – unterstreicht die große Frage nach dem Erwachsenwerden und welchen Weg man als junger Mensch einschlagen soll, die sich jeder denkende Teenager mehr als einmal stellt, sehr treffend und markant.

Die Zweiteilung des Filmes fällt vor allem wegen der Auswahl der Songs auf. Am Anfang, als Ben nicht weiß, was er mit seiner Zukunft anfangen soll und er das auf ihn Zukommende einfach nur als sinnlos auffassen kann, wird The Sound of Silence als Untermalung verwendet. Achtet man auf den Text, so kann man das, was Ben bewegt noch eindeutiger fassen. Schon der Anfang Hello darkness my old friend ist Ausdruck für die Leere und Einsamkeit, die Ben empfindet, obwohl er sich immer inmitten vieler anderer Menschen befindet. Nachdem er das College so exzellent abgeschlossen hat, ist er ziellos und versucht sich bei seiner Willkommensparty von allen anderen abzuschotten. Für ihn ist die Welt seiner Eltern nichtig und oberflächlich, was vor allem die Textzeile People talking without speaking/People hearing without listening. ausdrückt. Also muss Ben The sound of silence durchbrechen und aus seiner Apathie erwachen.

Mit Hilfe von Scarborough Fair und April come she will   wird daraufhin der Übergang zu dem zweiten, rasanteren Teil des Films geschaffen. Die Musik und die Texte drücken perfekt das Innere des Charakters aus, ohne dafür Worte zu brauchen. Der Song Scarborough Fair, der in den zeitüberbrückenden Szenen des Films angespielt wird, untermalt die Bedeutungslosigkeit der Handlungen Benjamins und sein orientierungsloses „Treiben“ vollkommen.

Das Lied Mrs. Robinson , für das der Film bekannt geworden ist, wird in diesem zum ersten Mal gespielt, als sich Ben für Elaine entschieden hat, sie heiraten will und sich auf dem Weg nach Berkeley befindet. Ab diesem Moment wird die Geschichte insgesamt temporeicher. Die Person Mrs. Robinson wurde bis dahin als verbittert und kaltherzig dargestellt, in dem Lied kommen aber Textzeilen vor wie Jesus loves you more than you will know und Heaven holds a place for those who pray und ist somit ein mitfühlendes Lied für einen unsympathischen Charakter. Es relativiert die eindeutig unmoralische Position, die Mrs. Robinson bis zu diesem Punkt innehatte. Auch im Roman, wird an dieser Stelle ein innerer Monolog Benjamins dargestellt, in dem er sich seine Zukunft mit Elaine ausmalt – mit Mrs. Robinson als Schwiegermutter.

Eine der Innovationen von Regisseur Mike Nichols war die Auswahl von Popmusik zur Unterstreichung der Handlung und der Gefühle der Charaktere im Film. Dies war so ein großer Erfolg, dass Die Reifeprüfung sofort zum Kultfilm avancierte und diese Art der musikalischen Untermalung heute sozusagen zum Standard in Filmen geworden ist. In diesem Sinne ist Die Reifeprüfung auf jeden Fall ein Meilenstein.

Nichols entschied sich für das in den 60er Jahren sehr beliebte Pop-Duo Simon & Garfunkel und ließ sogar extra für den Film Lieder von ihnen schreiben und einspielen. The Sound of Silence war schon vor Erscheinen des Films zwei Wochen lang auf Platz 1 in den Charts und das für den Film komponierte Mrs. Robinson hielt sich sogar drei Wochen auf dem 1. Platz.

 

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